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Utopische Kolonien der Finnen

TEUVO PELTONIEMI

Die sieben Brüder aus Aleksis Kivis gleichlautendem Roman können als ein gutes Beispiel für das menschliche Streben nach Utopien gelten. Unzufrieden mit der Gesellschaftsform und den Verhältnissen aus denen sie kamen, gründeten die Brüder ihre eigene ideale Miniaturgesellschaft - Kivi nennt sie Impivaara - in der Einöde, weitab von jeder Zivilisation. Ähnlich den Helden aus Kivis Buch suchten im Laufe der Geschichte viele Finnen eine Zuflucht in den "Impivaaras" exotischer Länder. wo sie sich durch Urbarmachung des Landes eine neue Heimat schufen, mit viel Mühe eine neue Sprache erlernten, sich stritten und versöhnten, sowie versuchten, ohne den Schutz der umgebenden Gesellschaft auszukommen.

Die Versuche der Finnen, utopische Kolonien im Ausland zu gründen, stehen allerdings in einer viel engeren Beziehung zu den berühmten Utopieversuchen der Weltgeschichte als man normalerweise annimmt. Obwohl diese finnischen Kolonien - mit Ausnahme von Sointula in Kanada - nie im gleichen Zuge mit Mores Utopia oder Fourier, Owen, Cabet und Oneida genannt werden, können sie doch auf eine stattliche, bis ins 18. Jahrhundert reichende, Geschichte zurückblicken.

Zur Zeit der bekanntesten finnischen Kolonien, Sointula in Kanada und Colonia Finlandesa in Argentinien, gab es noch etwa 20 andere ähnliche Projekte in aller Welt.

Start in Afrika

Ein für das Jahr 1792 in Sierra Leone vorgesehenes, allerdings nie verwirklichtes, finnisch-schwedisch-englisches Projekt, das den Namen "Neues Jerusalem" trug, setzte den Anfang in der Reihe dieser finnischen Kolonien. lm folgenden Jahrhundert war es auch der 1868 an der Küste des russischen pazifischen Ozeans gegründeten Gemeinschaft von Amurland beschieden, nur zwei Jahre zu bestehen.

Als ein dritter Anlauf sind drei von dem utopischen Sozialisten Matti Kurikka gegründete Kolonien zu sehen. Die erste von diesen war ein Zeltlager von nur kurzer Dauer, das im Jahre 1900 in Queensland, Australien durchgeführt wurde. Kurikkas bedeutendstes Projekt, die Kolonie "Sointula" wurde 1901 in Britisch-Kolumbien, Kanada gestartet. Nachdem auch dieses Unternehmen im Jahre 1905 gescheitert war, gründete Kurikka in der Nähe von Vancouver eine dritte Kolonie mit dem Kalevala-inspirierten Namen "Schmiede des Sampos".

Bei den utopiesozialistischen Projekten spielte auch der finnische Nationalismus eine große Rolle. Im Jahre 1899 planten z.B. Nationalisten, die Schutz vor dem Zaren suchten, eine Kolonie mit Namen "Neues Finnland" zu gründen. Als Standort wählten sie u.a. Red Deer in Alberta, Kanada.

Nationalismus war auch 1904 die treibende Kraft bei der Gründung einer finnischen Kolonie in Kuba. Dieses "Itabo"-Projekt wurde teilweise von nach Amerika ausgewanderten Finnen, die hauptsächlich der Arbeiterbewegung entstammten, getragen. Ein zweiter Versuch in Kuba, die 1906 gegründete Kolonie "Ponnistus" (Bestrebung) war noch deutlicher von Arbeiterideologien geprägt. Beide Kolonien waren jedoch nur von kurzem Bestand.

Noch stärker traten finnisch-nationalistische Ideen bei der "Colonia Finlandesa" in den Vordergrund. Diese wurde im Jahre 1906 im Tale "Misiones" in Argentinien von Arthur Thesleff gegründet, der in Finnlands kulturellen Kreisen gut bekannt war.

"Tropenfieber"

Das "Tropenfieber" der zwanziger Jahre bewirkte, daß man vier neue Kolonien plante, von denen jedoch nur drei verwirklicht wurden. Gemeinsam war allen, dass sie hauptsächlich von einem vegetaristischen Prinzip geprägt waren. Während sich der Plan zur "Paradiso"-Kolonie im Jahre 1925 zerschlug, wurde 1929 "Penedo" in Brasilien und ein Jahr später "Viljavakka" (Kornscheffel) in der Dominikanischen Republik gegründet. Zur gleichen Zeit strömten Vegetaristen auch in die "Colonia Villa Alborada" in Paraguay, die ebenfalls in den zwanziger Jahren ihren Anfang genommen hatte.

Inspiriert von dem Genossenschaftsprinzip der Arbeiterbewegung, wurden in den USA zwei genossenschaftliche Farmen gegründet; die eine bereits 1912 in Kalifornien und die andere in Georgia im Jahre 1921. Auch die "Ponnistus" Kolonie in Kuba verdankt ihre Entstehung diesen beiden Projekten.

Als das "Karelien-Fieber" Amerika erreichte, zogen in den zwanziger und dreißiger Jahren amerikanische Siedler finnischen Ursprungs in die Sowjetunion und gründeten dort einige Kommunen. Eine von diesen, "Kylväjä" (Säernann), entstand 1922 in der Nähe von Rostov in Weißrussland. In Ostkarelien wurden drei Kolchosen gegründet: "Säde" in Olonec, "Hiilisuo" nahe Petrosawodsk und "Vonganpera" in Uchtua.

Die jüngste utopische Kolonie ist "Jad Hashmona", ein von finnischen Christen 1971 in Israel errichteter Kibbuz.

Im Einflußbereich der finnischen utopischen Kolonien standen sogar optimistischen Schätzungen zufolge nur rund 8 000 - 10 000 Personen. Den größten Teil dieser Ziffer bilden Siedler, die während der Auswanderungswelle des "Karelien-Fiebers" in Rußland Kollektive gegründet hatten. Von den verbleibenden 2500 war wiederum die Hälfte Bewohner der zwei größten Kolonien, Sointula und Colonia Finlandesa.

Im Vergleich zu der insgesamt rund einen Million finnischer Auswanderer in aller Welt, stellen diese Bewohner von utopischen Kolonien nur eine verschwindend kleine Schar dar. Bei den idealistischen Gemeinschaften geht es jedoch weniger um die Auswanderung im konkreten Sinne, als vielmehr um die geistige Bewegung, die unruhige Suche nach einer besseren Welt, bei der die physische Ausreise nur als ein Mittel zum Zweck zu verstehen ist.

Vielfalt der Ideologien

In den finnischen Kolonien gab es natürlich auch Siedler, die in der idealistischen Gemeinschaft nur ihr eigenes Glück, ein angenehmes Leben sowie Vorteile für sich und ihre Familie suchten. Der größte Teil der Auswanderer strebte jedoch nach höheren Zielen. So wurzelten die utopischen Kolonien z.B. im Sozialismus, im Vegetarismus und in der Glückssache.

Unterteilt man die Utopieversuche nach ihrem säkularen oder religiösen Hintergrund, so lässt sich erkennen, dass die meisten der ersten Kategorie zugehören. Ideale der Arbeiterbewegung und des Sozialismus dominierten bei 12, religiöse Ansatzpunkte bei 7 und nationalistische Motive bei 5 Gemeinschaften. Vegetarische Ambitionen pflegten 5 Kollektive, die auch pazifistisches Gedankengut vertraten. "Rückkehr zur Natur hieß die Parole bei allen südamerikanischen Utopieversuchen.

Von den finnischen Kolonien verkörperten nur wenige ein einziges Ideal. Meistens verknüpften sich bei ihnen mehrere Weltanschauungen. Öfters kam es auch vor, dass Emigranten in eine andere Kolonie überwechselten. Persönlichen Kontakt hatten z.B. Siedler so weit entfernter Kolonien wie Penedo und Israel. Auch nach dem Scheitern einer Siedlungskolonie glaubten die Siedler weiterhin fest daran, dass sie eines Tages noch die Gemeinschaft fänden, in der sich die Utopie verwirklichen lasse.

Neue Gesellschaftsformen

In den klassischen Idealgemeinschaften lag die Entscheidungsgewalt und die Aufrechterhaltung der Ordnung in den Händen aller. Auch wohnte, arbeitete und speiste man zusammen. Viele Gemeinschaften strebten nach einer Erneuerung der Religion, der Politik, der Familie und der Schule.

Die Mehrzahl der finnischen Kolonien erprobte jedoch nur einen Teil dieser Formen des Zusammenlebens. Sointula und Penedo hatten das Utopiemodell am umfassensten verwirklicht. Sie versuchten, eine völlig neue Weit aufzubauen. Typisch für die finnischen Siedlungskolonien war die Arbeitsteilung. In 10 Gemeinschaften praktizierte man sogar Einkommensgleichheit und in ebenso vielen wohnte man auch zusammen. Die Einnahme von gemeinsamen Mahlzeiten war noch stärker verbreitet. In einigen Siedlungen wurde das Einkommen durch soziale Vergütungen ersetzt, oder erst zu einem späteren Zeitpunkt ausgezahlt.

Nur wenige idealistische Gemeinschaften der Finnen interessierten sich für die Sexualmoral oder Kindererziehung. Hiervon waren nur die Kolonien Sointula und Penedo ausgenommen. In Sointula hatte man einen Kindergarten eröffnet und in Penedo gedachte man zunächst bei der Unterweisung der Kinder ohne eine Schule auszukommen.

Obwohl die finnischen Siedler der engstirnigen Bürokratie und der beengenden sozialen Kontrolle ihres Heimatlandes entkommen waren, pflegten sie ihre Kultur und hegten sogar große Hoffnungen, dass eines Tages die gesamte finnische Bevölkerung in die neue Heimat der Emigranten übersiedeln, und ihre neue Gesellschaftsform übernehmen werde. Zur Wahrung der Identität war die finnische Sprache besonders wichtig. Die Siedler erlernten die Sprache ihrer neuen Heimat nur sehr langsam. Deshalb kam es sogar dazu, dass in der Colonia Finlandesa die Indianer Frauen der Finnen den ostfinnischen "Kitee-Dialekt" erlernen mussten.

Kurz nach ihrer Ausreise unterhielten die Aussiedler regen Kontakt zu ihrer finnischen Heimat. Sie empfingen z.B. Briefe und Zeitungen aus Finnland. Im Laufe der Jahre wurde diese Verbindung jedoch immer schwächer und so konnte es z.B. passieren, dass die südamerikanischen Kolonien so stark in Vergessenheit gerieten, dass sie später "wiederentdeckt" wurden.

Die Lehren der Kolonien

Fast in allen utopischen Gemeinschaften gab es Streit und Meinungsverschiedenheiten. Meistens ging es dabei um finanzielle Probleme. Ähnlich wie in Penedo, wo das Abtragen großer Kredite beträchtliche Schwierigkeiten bereitete, sah es auch in vielen anderen Kolonien aus. Oftmals war auch, wie z.B. in Sointula, die Zielsetzung der Gemeinschaften strittig.

Lange hielt der Idealzustand nirgendwo an. Obwohl die Finnen in ihren südamerikanischen Siedlungen jahrzehntelang zusammenlebten, flaute der utopische Charakter dieser Kolonien innerhalb von zwei Jahren ab. Den längsten Bestand hatten die Genossenschaftsfarmen in den USA. Ihnen machte erst die wirtschaftliche Depression und Landflucht ein Ende. Aus so manchem utopischen Projekt der Finnen wurde in kürzester Zeit eine gewöhnliche Siedlungskolonie.

Den utopischen Kolonien der Finnen war also im allgemeinen kein Erfolg beschieden. Ungeachtet dessen haben diese Utopieversuche einen grundlegenden Zweck erfüllt: sie haben gezeigt, worum es beim Zusammenleben der Menschen geht, was verändert werden muss und welcher Weg dazu beschritten werden sollte. Die Bedeutung dieser Kollektive sollte deshalb auch nicht nur an ihrem äußeren Erfolg gemessen werden. In Finnland, wie auch in vielen anderen Ländern, wurzelt z.B. die Umweltschutzbewegung in ideologischer Hinsicht in den Utopiebestrebungen dieser Kolonien. .
 

  

Hier können Sie einen Vortrag von FinnForum in Turku lesen "Finnish utopian settlements in North America" (pdf)

 
Quellen

Teuvo Peltoniemi: Finnish Utopian Settlements in North America. Pp. 279-291 in: Karni, Michael G. & Koivukangas, Olavi & Laine, Edward W. (eds.): Finns in North America. Institute of Migration C9. Turku 1988.

Teuvo Peltoniemi: Kohti parempaa maailmaa - suomalaisten ihannesiirtokunnat 1700-luvulta nykypäiviin. (Suche nach einer besseren Welt - Finnische utopische Kolonien vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart.) Verlag Otava. Helsinki 1985. (Verkauf: www.sosiomedia.fi)

Teuvo Peltoniemi: Kohti parempaa maailmaa. (Suche nach einer besseren Welt.) Videoprogramm. 37 Minuten. Sosiomedia oy/ Helsingin Tietovideo (Helsinki Educational Video) 1988. (Verkauf: www.sosiomedia.fi)

See auch Sources and references list (pdf) von Peltoniemi: "Kohti parempaa maailmaa - suomalaisten ihannesiirtokunnat 1700-luvulta nykypäiviin".

 

  Links:
  Landkarte und Tabelle

 

Finnische utopische Kolonien und Emigration aus Finland.

 

Finnische utopische Kolonien

 
  Links: Fotos

 

Das Buch Utopia von Thomas More


 

Planung von August Nordenskiöld für Neues Jerusalem in Sierra Leone


 

Utopischer Sozialist Matti Kurikka


 

Karl Streng in der Schmiede von "Sointula" in Kanada


 

"Sammon Takojat" (Schmiede des Sampos) am Frazer-Fluß


 

Eine Grundstückquittung von William Keskinen in Kuba


 

Alex Kauhanen aus Redwood Valley in Kalifornien


 

Die ersten Bewohner der Genossenschaftsfarm Georgia


 

Die Kinder von Georgia zeigen einen Rekordkürbis vor


 

Martti Aaltonen probt im brasilianischen Penedo Samba


 

"Kampfgruß bei Frontwechsel" auf dem Weg nach Sowjetisch-Karelien


 

Das zweite Mal Weihnachten in "Viljavakka", in der Dominikanischen Republik


  Der exzentrische Forscher Arthur Thesleff in Argentinien